Die im Juni 2026 vorgestellten Maßnahmen sollen Europa resilienter und unabhängiger machen
Die kritische Infrastruktur Europas – ob Krankenhäuser oder die Stabilität der Energienetze – hat einen Abhängigkeitsgrad von außereuropäischen Technologieanbietern erreicht, der ein existenzielles Risiko darstellt. Die Europäische Kommission hat deshalb ein Paket zur technologischen Souveränität Europas mit umfassenden Regulierungsvorhaben vorgestellt, um a) die Abhängigkeiten Europas zu reduzieren und b) die digitale Resilienz des Kontinents zu stärken. Europa kann es sich auf Dauer nicht leisten, besonders bei kritischen Infrastrukturen abhängig zu sein.
Europa hat Talente, Exzellenz in der Forschung, eine starke industrielle Basis und einen ausgeprägten Binnenmarkt – diese Stärken gilt es gemeinsam in technologische Souveränität umzuwandeln.
Die steigende Nachfrage nach Rechenzentrumskapazitäten im Zuge des KI-Booms verschärft das Problem. Obwohl es seit 2023 ein Chip-Gesetz auf europäischer Ebene gibt, bleibt Europa insbesondere bei fortschrittlichen Produktionsanlagen, aber auch beim Chip-Entwurf an sich, stark von Drittländern außerhalb der Europäischen Union abhängig. Ziel ist es, auch hier eine umfassende „digitale Autonomie“ auf allen Ebenen zu etablieren. Der Bogen spannt sich vom physischen Siliziumchip bis zur darüberlaufenden Softwarearchitektur.
Was sind nun die beschlossenen vier Säulen des Souveränitätspakets? Das Paket ist kein einzelnes Gesetz, sondern ein Bündel verknüpfter Maßnahmen, die diese vier Hauptbereiche adressieren.
Chips und Hardware
Die Chipverordnung 2.0 ist eine direkte Antwort auf die zunehmend kritischen Schwachstellen in den globalen Lieferketten. Während das erste Chip-Gesetz (1.0) die Fertigungswerke stärkte, zielt nun die Nachfolgeregelung darauf ab, die europäische Wertschöpfungskette für Chips umfassend zu sichern und strukturelle Engpässe bei Kernkomponenten zu minimieren.
Aufbau der Cloud- und KI-Kapazitäten in Europa
Im Bereich KI sollen nicht nur technologische Kapazitäten aufgebaut, sondern die Entwicklung soll auch reguliert werden. Die Regelung zur Cloud- und KI-Entwicklung soll einen europäischen Rahmen schaffen, der Transparenz sichert und sicherstellt, dass kritische Anwendungen – besonders im Gesundheitswesen und in der Energieversorgung – künftigen europäischen Standards entsprechen. Ziel ist es, die Kapazitäten der Rechenzentren in Europa in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Die Regelung soll die Forschung im Bereich moderner und nachhaltiger Technologien unterstützen und gleichzeitig ein Gleichgewicht zwischen den KI-Zielen und den Klimaschutzverpflichtungen herstellen, wobei der Großteil des EU-Marktes für gleichgesinnte Partner offen bleiben soll. Dies soll dazu beitragen, kritische Anwendungen und sensible Daten zu schützen und die Entwicklung moderner Cloud- und KI-Technologien zu unterstützen. Weiters soll dadurch ein besser koordiniertes, EU-weites Vorgehen bei der KI-Einführung in den einzelnen Mitgliedsstaaten erreicht werden – unter anderem durch die Erfassung von KI-Erfahrungen sowie durch neue Beschleunigungszentren zur Unterstützung der KI-Integration.
Stärkung der digitalen Autonomie durch Open Source
Derzeit tragen in Europa mehr als drei Millionen Menschen zu Open-Source-Lösungen bei. Die Open-Source-Strategie baut auf diese Stärke auf, um souveräne Lösungen nachhaltig zu entwickeln. Mit ihr werden quelloffene Alternativen etwa in den Bereichen Cloud, KI, Internettechnik, Cybersicherheit und Halbleiterproduktion ausgebaut. Weiters sollen ein stärkeres Open-Source-Ökosystem gefördert und quelloffene Start-up-Unternehmen unterstützt werden.
Zudem soll die stärkere Nutzung quelloffener Lösungen in der öffentlichen Verwaltung durch Leitlinien für Auftragsvergaben und bewährte Verfahren in der Praxis vorangetrieben werden. Sie soll die Übernahme europäischer Lösungen fördern und Normung sowie Interoperabilität unterstützen, auch durch die Initiative „Open Internet Stack“.
Digitalisierung des europäischen Energiesystems
Ein weiterer kritischer Engpass betrifft die Rechenleistung selbst. Hohe Energiepreise belasten die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und schmälern gleichzeitig die Kaufkraft der Haushalte.
Gleichzeitig wird das Wachstum der digitalen Infrastrukturen in Europa die Stromnachfrage erheblich steigern. Durch die Regelung sollen energieeffiziente Rechenzentren auf nachhaltige und transparente Weise in das europäische Energiesystem integriert und eine nachhaltige Basis für die gesamte digitale Expansion geschaffen werden. Damit positioniert sich Europa von einem rein regulierenden Akteur hin zu einem aktiven Gestalter seiner digitalen Zukunft. Durch die Verknüpfung von Gesetzgebung, Infrastrukturstrategie und Open-Source-Förderung versucht die Europäische Kommission, eine europaweite Wertschöpfungskette zu etablieren, deren Resilienz nicht von globalen geopolitischen Spannungen oder Abhängigkeiten kritischer Drittstaaten bedroht wird. Die Umsetzung dieser komplexen Strategie erfordert jedoch massive Investitionen und eine Koordination über alle Mitgliedsstaaten hinweg.
Zu all diesen strategischen Ansätzen sind bereits eine Vielzahl europäischer Unternehmen beteiligt – zuletzt sei noch auf das im Hub der AI Factory Austria (AI:AT) verankerte österreichische KI-Unternehmen Eustella hingewiesen. Eustella ist eine europäische Plattform für KI-Agenten, die laut ihrem Entwickler komplexe, mehrstufige Arbeitsabläufe eigenständig unterstützen soll – etwa bei Recherchen, Präsentationen, Medienproduktionen, Reise- und Lifestyle-Projekten, aber auch bei wissensintensiven Workflows.
Klar ist: Der Weg Europas in die digitale Unabhängigkeit wird nicht leicht, nichts kann über Nacht erreicht werden – aber die ersten wichtigen Schritte sind nun gesetzt.