Führung · Innovation · Risikomanagement

Von der Felderkennung zur Kommandoentscheidung

Tudor Andronic, René Döhring · · 1 Min. Lesezeit

Verteidigungsorganisationen stehen zunehmend vor einer Aufgabe, die zwei bislang oft getrennt betrachtete Fragen verbindet: Wie lässt sich aus der physischen Umgebung belastbare Lageinformation gewinnen, und wer behält die Kontrolle über die Systeme, in denen diese Informationen verarbeitet werden? Ein Sensor kann eine Bedrohung erkennen und ein KI-Modell daraus strukturierte Daten erzeugen. Ihr Wert hängt davon ab, wo die Software läuft, wer diese Umgebung kontrolliert und ob die Verarbeitung bei Veränderungen verfügbar bleibt.

Anwendungsfähigkeit und digitale Souveränität

Anwendungsfähigkeit und digitale Souveränität werden damit zu zwei Seiten derselben Betriebsfrage. Verarbeitung am Einsatzrand kann bei eingeschränkter Kommunikation notwendig sein, während Simulation und Analyse zentrale Systeme benötigen können. Sensible Anwendungen müssen zwischen privater Infrastruktur, souveränen Cloud-Umgebungen und anderen kontrollierten Betriebsorten verlagert werden können, ohne dass die Anwendung dafür grundlegend neu entwickelt wird.

ASSIST Software veranschaulicht die Anwendungsseite dieses Problems. Das 1992 im rumänischen Suceava gegründete Unternehmen entwickelt kundenspezifische Software und KI-Systeme und ist mit der ASSIST Software GmbH im Technologiezentrum Augsburg im DACH-Raum vertreten. ASSIST Software ist zudem eines der ersten Unternehmen in Rumänien mit einer Zertifizierung nach ISO/IEC 42001 für KI-Managementsysteme.

Die Verteidigungsaktivitäten des Unternehmens führen von der physischen Wahrnehmung bis in Simulation und Entscheidungsunterstützung. Ein aktueller Demonstrator basiert auf einer vierbeinigen Roboterplattform mit 360-Grad-Kamera und lokal betriebenem Computer-Vision-Modell. Das System erkennt militärisch relevante Objekte wie Schusswaffen, handgeführte Sprengkörper und Gefahrenindikatoren. Die Verarbeitung erfolgt auf der Plattform; Live-Bild und Erkennungsdaten werden über XR-Brillen an den Bediener übertragen.

Lokale Verarbeitung verringert die Abhängigkeit von permanenter Konnektivität, während die Erkennung mit wechselnden Umgebungsbedingungen und unvollständigen Informationen umgehen muss.

Infrastrukturunabhängigkeit als Architekturprinzip

ASSIST Software führt diese Kette in die Simulation weiter. Zum Portfolio gehören KI-gestütztes Verhalten von Einheiten, Szenariengenerierung, physikbasierte Gefechtsmodellierung und KI-gestützte After-Action-Reviews in Verteidigungssimulationsumgebungen. Eine Beobachtung aus dem Einsatzraum kann damit als strukturierte Information in Systeme einfließen, die Ereignisse analysieren, Alternativen modellieren und eine Bewertung auf Führungsebene unterstützen.

Aus dieser Verbindung ergibt sich eine Infrastrukturfrage. Anwendungen am taktischen Rand können keine permanente Verbindung zu einer einzigen zentralen Umgebung voraussetzen. Ist die Software eng an einen bestimmten Infrastrukturbetreiber gekoppelt, verliert die Organisation einen Teil der Flexibilität, die verteilte Operationen erfordern.

Codesphere adressiert diese zweite Ebene mit seiner Virtual Cloud Platform. Das Unternehmen stellt eine Software- und Steuerungsschicht oberhalb der zugrunde liegenden Infrastruktur bereit. Anwendungen lassen sich damit über Public Clouds, souveräne Cloud-Anbieter, private Umgebungen und lokale Systeme hinweg entwickeln, bereitstellen, absichern, betreiben und verwalten.

Für Verteidigung und öffentliche Verwaltung ist diese Unterscheidung wesentlich. Souveränität entsteht nicht allein durch den Standort eines Rechenzentrums. Eine Anwendung kann in einem europäischen Rechenzentrum laufen und dennoch von proprietären Diensten oder Kontrollmechanismen außerhalb des tatsächlichen Einflussbereichs der Organisation abhängen. Codesphere versucht, die Infrastruktur austauschbarer zu machen und ein konsistentes Kontrollmodell für die Anwendungen zu erhalten.

Resiliente Systeme für verteilte Operationen

Hier wird das Verhältnis beider Unternehmen zu einem konkreten Beleg für eine technische Architektur, nicht zu einer klassischen Partnerschaftsgeschichte. ASSIST Software entwickelt Systeme, die einsatzrelevante Informationen erfassen, auswerten und in Simulation und Entscheidungsunterstützung überführen. Codesphere stellt eine Betriebs- und Steuerungsebene bereit, auf der die dafür benötigte Software über unterschiedliche Infrastrukturumgebungen hinweg kontrolliert werden kann.

Für eine Verteidigungsorganisation kann diese Trennung darüber entscheiden, ob eine Architektur nach ihrer Einführung anpassungsfähig bleibt. Ein robotisches Sensorsystem kann lokal verarbeiten, ausgewählte Daten an geschützte Infrastruktur übertragen und Informationen an eine getrennte Simulationsumgebung weitergeben müssen. Die Anwendung muss auch bei einem Wechsel des Betriebsorts funktionsfähig bleiben. Umgekehrt hat souveräne Infrastruktur nur begrenzten Wert, wenn spezialisierte Missionssoftware nicht ohne umfangreiche Anpassungen darauf betrieben werden kann.

Verteidigungs- und Behördenarchitekturen setzen stärker auf Edge-Verarbeitung, verteilte Sensorik und softwaredefinierte Funktionen, während Anforderungen an Souveränität und Resilienz zunehmen. Infrastrukturunabhängigkeit wird damit zu einer Eigenschaft der Anwendungsarchitektur und nicht nur zu einer Beschaffungsentscheidung über den Standort von Servern. Der entscheidende Maßstab ist, ob Missionssoftware belastbare Informationen über wechselnde Betriebsumgebungen hinweg verarbeiten kann, während die verantwortliche Organisation die Kontrolle über diese Verarbeitung behält. Genau diese Trennung von Anwendungsintelligenz und Infrastrukturabhängigkeit wird für sicherheitskritische Systeme zu einem grundlegenden Architekturprinzip.