Der Begriff Kritische Infrastruktur klingt nach moderner Technik und Industrieanlage. Doch schon die Macht Roms begründete sich auf funktionierende Infrastruktur. Straßen, Aquädukte, Brücken und Häfen - sie brachten Truppen, Wasser, Nahrung und Waren in Bewegung. Auch im Mittelalter entschieden Handelswege, Mühlen, Brunnen und Stadtbefestigungen über Wachstum oder Not. Ein vergifteter Brunnen, eine blockierte Straße waren bereits damals ein Angriff auf die Gesellschaft.
Die Besonderheit der Kritische Infrastruktur des 21. Jahrhunderts zeichnet sich dagegen durch ihre Vielzahl, ihre Vernetzung und die damit bedingte Abhängigkeit voneinander aus. Der mittelalterliche Brunnen funktionierte, auch wenn die Windmühle am Ortsrand stillstand. Das moderne Wasserwerk dagegen braucht Strom, Telekommunikation, digitale Steuerung und oft externe Dienstleister. Fällt ein Baustein aus, gerät das ganze System unter Druck. Kritische Infrastruktur ist kein Sammelkasten besonderer Einzelexemplare mehr. Sie ist ein zusammenhängender hochkomplexer Organismus. Strom, Telekommunikation, Verkehr, Gesundheit, Finanzen, Logistik und digitale Dienste greifen so eng ineinander, dass sie nicht länger getrennt betrachtet werden können. Die Abhängigkeiten laufen in beide Richtungen: Ohne Strom keine Mobilfunknetze. Ohne Telekommunikation können Energieversorger ihre Netze nicht steuern. Ohne funktionierende Rechenzentren stehen Logistik, Zahlungsverkehr und Verwaltung still.
Die Anfälligkeit der Kritische Infrastruktur des 21. Jahrhunderts ist daher auch durch Kaskadeneffekte gekennzeichnet. Die Digitalisierung hat diese Entwicklung beschleunigt. IT- und OT-Systeme haben Kritische Infrastrukturen leistungsfähiger gemacht – und zugleich verwundbarer. Früher brauchte es physische Sabotage. Heute reichen digitale Zugänge aus der Ferne, um Abläufe zu manipulieren, Informationen zu verfälschen oder Anlagen stillzulegen.
Auch die Bedrohungslage hat sich verändert. Zwar standen im Kalten Krieg ebenso Brücken, Staudämme, Kraftwerke und Kommunikationszentren im Fokus. Doch waren hier die Szenarien klar, die Bedrohung physisch und meist einem staatlichen Akteur zuzuordnen. Heute verschwimmen die Grenzen. Der russische Angriff auf die Ukraine zeigt, wie moderne Konflikte über klassische Militärschläge hinausgehen. Energieanlagen werden digital und physisch angegriffen, Kommunikationsnetze und Stromversorgung gleichzeitig. Ziel ist oft nicht allein Zerstörung, sondern die Schwächung staatlicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Widerstandskraft.
Europa ist davon nicht ausgenommen. Die Sabotage der Nord-Stream-Pipelines machte klar: Auch komplexe Infrastrukturprojekte weitab klassischer Krisengebiete sind verwundbar. Cyberangriffe auf Energieversorger, Krankenhäuser, Wasserwerke und Behörden nehmen zu. Unterseekabel, Satellitensysteme und digitale Plattformen spielen heute eine ähnlich zentrale Rolle wie einst Eisenbahnlinien oder Seewege. Und die Schwelle für Angriffe ist gesunken. Neben Staaten agieren organisierte Kriminalität, ideologisch motivierte Gruppen oder einzelne Angreifer. Wobei diese nicht mal hochqualifiziert zu sein brauchen: Ein kleines Flugobjekt zu steuern, erforderte vor Jahrzehnten noch die Praxis geübter Modellflugzeug-Piloten – insbesondere bei Start und Landung. Heutige Drohnen übernehmen einen Großteil dieser Aufgaben selbst und machen aus einer fliegerischen Fähigkeit eine Softwarefunktion.
Die Herausforderung der kommenden Jahre liegt nicht allein darin, jeden Angriff zu verhindern. Entscheidend wird sein, Resilienz zu erhöhen, Redundanzen zu schaffen und Kaskadeneffekte beherrschbar zu machen. Spätestens an dieser Stelle kommt der händeringende Experten-Call, die Gesellschaft müsse endlich resilienter werden. Nur leider ist für die Kritische Infrastruktur des 21. Jahrhunderts auch ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft kennzeichnend: Sie wird stets als gegeben vorausgesetzt. Strom kommt aus der Steckdose, Wasser auf dem Hahn, Sprit von der Tankstelle, omnipräsente W-Lan-Zugänge sind gefühltes Menschenrecht. Wer dagegen in den ärmsten Regionen der Welt lebt, ist es täglich gewohnt weite Wege zur nächsten Wasserstelle zu gehen, um zu überleben. In fast allen urbanen Zentren Europas wüsste der Großteil der Menschen nicht, wo der nächste Notwasserbrunnen steht. Und wenn er es wüsste, würde er es als Zumutung empfinden, wenn ihm eine ungewisse Zeit an Tagen bevorstünde, in der das gewohnte Selbstoptimierungsleben massiv gestört ist.
Wenn wir diesen Konsumentenanspruch als unveränderliche Variable akzeptieren, lassen sich zumindest weitere Appelle an die Gesellschaft zum Resilienzaufbau sparen. „Gesellschaft hat keine Adresse“ wusste Niklas Luhmann schon im 20. Jahrhundert. Wir können heute pointiert hinzufügen: Gesellschaft erwartet, dass jede Adresse online ist. Daher sollte der Resilienzaufbau besser fokussiert werden – auf den für Vorsorge und Bewältigung zuständigen Sicherheitsbereich unter Einbeziehung aller erforderlichen und bereitstehenden Akteure. Der Stromausfall im Südwesten Berlin im Januar 2026 zeigte welche großen Kapazitäten der Blaulichtorganisationen in der Krise notwendig waren, um einen dagegen prozentual kleinen Bevölkerungsanteil der Millionenmetropole zu versorgen. Hier werden auch Sicherheitsdienstleister mit einzubeziehen sein. Wir müssen davon ausgehen, dass sich solche Vorfälle jederzeit wiederholen werden und die Gefahr besteht, dass die zuständigen Ressourcen an ihre Grenzen kommen. Daher sollte das gemeinsame Vorgehen vor der nächsten Krise abgestimmt werden und nicht erst mittendrin.