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Nahaufnahme eines Seils aus natürlicher Faser mit aufgefasertem Ende in warmem Licht vor unscharfem braunem Hintergrund
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Visionärer Pragmatismus und Future Leadership

Prof. Dr. Stefan Selke | | 1 Min. Lesezeit

Vom Risikodenken zur euphorischen Transformation

Unsere Welt ist auch deshalb ein trostloser Ort, weil wir in einer risikoscheuen Sprache und Vermeidungsimperativen (von „Nulltoleranz“ bis „Risikominimierung“) über sie sprechen. Vieles wurde in letzter Zeit richtig gemacht, eines jedoch vergessen: Future Leadership braucht Zukunftseuphorie, um Erwartungen zu bündeln und zum Aufbruch anzuleiten.

Zwei Kontrastbeispiele: Bei einem lange vorbereiteten Satellitenstart bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA gehen Manager nach kaum fünf Minuten wieder zurück in ihre Büros – kein Jubel, kein Abklatschen, keine Party. Anders hingegen der CEO des Start-ups Bake in Space, das versucht eine krümelfreie Brotmischung für Weltraumreisen zu entwickeln: Auf einem Kongress präsentiert er sein Produkt derart voller Begeisterung, dass niemand im Raum ungerührt bleibt. Der Unterschied: Die ESA verfolgte schlaue Pläne, Bake in Space lie-ferte emotionale Beteiligung mit überspringender Überzeugungskraft. Genau das ist der Un-terschied zwischen Projekten und Missionen. Deshalb basiert Future Leadership auf positiver Zukunftsbejahung, weil sich nur so sich die allgegenwärtige Krisenerstarre auflockern lässt.

An der Schwelle zur Perspektivlosigkeit

Warum ist das so? Erstens lässt sich empirisch belegen, dass viele Gesellschaften an der Schwelle zur Perspektivlosigkeit stehen. Gerade die Vermessung von Gemütszuständen jun-ger Menschen ist besorgniserregend. Zahlreiche Studien (v.a. in der DACH-Region) belegen, dass Resignation das Grundrauschen bildet. Auch Erwachsene sind zunehmend überfordert. Post-Corona-Studien und Studien zur Kritikalität der Welt zeichnen ein tendenziell pessimis-tisches Zukunftsbild. Kontingenzangst, die Mischung aus Ungewissheit, Orientierungslosig-keit und überfordernder Optionsvielfalt führt zur Eintrübung langfristiger Zukunftserwartun-gen. Allerdings sind Wut, Resignation und Hoffnungslosigkeit schlechte Ratgeber für Zu-kunftsfragen.

Zweitens ist Zukunftsgestaltung aus anthropologischer Sicht eine praktische Kompetenz. Was wir Zukunft nennen, ist eine kollektive Anstrengung und soziale Praxis. Zukunft ist nicht nur ein technischer Raum ist, sondern in Erzählungen, Bildern und Kulturerzeugnissen von Affek-ten und Empfindungen durchdrungen. Wer Zukunft sagt, sollte besser zwei Dimensionen im Blick haben: In der kognitiven Dimension geht es um Planung, Berechnung und Prognosen. In der korrespondierenden affektiven Dimension um die Verbindung abstrakter Zukunftsvisionen mit positiven Emotionen und Motiven. Die Psychologie der Transformation fordert deshalb, Gefühlzustände nicht aus Kränkungser-lebnissen, sondern aus sich selbst verstärkenden positiven Affekten herzuleiten. Statt aus dem Druck der Vergangenheit sollten Gefühle aus dem Sog der Zukunft resultieren.

Kurz: Der Attraktor sollte die euphorische Betrachtung der Zukunft sein. In soziologischer Perspektive dient Zukunftseuphorie der Veränderung kollektiver Bewusstseinszustände, bricht hierarchi-sche soziale Ordnungen auf, fördert neue Gruppenbindungen und hilft somit herrschende Konventionen zu überwinden und sich auf mutige Experimente einzulassen.

Euphorie verändert die Wahrnehmung der eigenen Umwelt vom Krisenmodus hin zur Vor-stellung, Teil einer besseren Welt zu sein. Dies motiviert zur aktiven Teilnahme an Gestal-tungsprozessen. Wir brauchen deshalb nicht nur bessere Zukunftsbilder, sondern vor allem eine starke, positive emotionale Verbindung mit diesen Bildern.

Kritiker werden bemängeln, dass der Ruf nach euphorischer Bejahung des Kommenden in einer Epoche, der langsam Begriffe für Negativbeschreibungen ausgehen, wie ein Frevel wirkt. Gleichwohl gibt es ein starkes Gegenargument: Jede Krise hat ein Danach. In Krisen-zeiten über Zukunftseuphorie nachzudenken, ist deshalb nicht obszön. Gerade weil Polykrisen unsere Wahrnehmung dominieren, macht es Sinn, den Blick prophylaktisch auf Polyoptionen zu richten. In einer erschütterten Welt braucht es radikale Perspektivwechsel. Trotz proble-matischer Gegenwart bereitet Zukunftseuphorie auf das Kommende vor, hilft, der allgegen-wärtigen Resignation zu entkommen, Zukunft wieder vorstellbar zu machen und schlussend-lich Handlungsoptionen zu entdecken.

Das wäre allemal zielführender, als weiterhin in die Nostalgie zu flüchten, Märchen von (techno-utopischen) Idealwelten zu verbreiten oder sich spekulativen Verheißungen und Ver-tröstungen hinzugeben. Auch passives Warten auf Veränderungen oder das allgegenwärtige Durchwursteln sind keine Lösungen. Politik wandelt Begeisterung für die Zukunft in normati-ve Richtlinien oder operative Nützlichkeitsregeln um und reproduziert dabei lediglich Stan-dardwelten. Und die akademische Welt wird immer wieder als Abklingbecken für Kreativität erlebt. Selbst in Unternehmen geht es zu oft um die Verhinderung eines Übels anstatt um das Erreichen eines Zieles.

Future Leadership beginnt deshalb damit, ein Leitbild über Bord zu werfen, dass (meist un-hinterfragt) auf Anpassung beruht, denn Anpassung ist ein Symbol des Stillstands. Wir dür-fen nicht zulassen, dass passives und angetriebenes Warten zur Grundeinstellung unserer Gesellschaft wird. Aufbruch steht für hingegen eine Transformation in Richtung lebenswerter Zukünfte. Vor allem gilt: Sich auf die Zukunft einzustellen, bedeutet gerade nicht, sich alter-nativlos anzupassen.

Visionärer Pragmatismus als Grundlage für Future Leadership

Zukunftsfähigkeit bedeutet die Fähigkeit, die widerspenstige Wirklichkeit gerade nicht zu leugnen und trotz aller Krisenwahrnehmungen konsequent Anreize für einen optimistischen Wandel zu entwickeln. Diese Haltung nenne ich visionären Pragmatismus – der dritte Weg zwischen Pessimismus oder Optimismus. Visionärer Pragmatismus ist die illusionsfreie An-erkennung von Realitäten, gleichzeitig aber auch das mutige, von Zukunftseuphorie getrage-ne Denken darüber hinaus. Der Rausch des Kommenden ist weder Flucht, noch Eskapismus oder nur kurzes Hochgefühl, sondern eine emotionale Investition in die wertvollste Res-source, die wir besitzen: Zukunft.

Für gesamtwirtschaftliche Effekte braucht es nicht nur Geld oder schlaue Pläne, es braucht vor allem eine positive emotionale Grundierung: Zukunftseuphorie. Erst auf dieser Grundla-ge kann der Shift von angst- zu wunschgetriebener Zukunftsgestaltung – von „future by de-saster“ zu „future by design – gelingen. Es lohnt sich, über Zukunftseuphorie als das „Mis-sing Link“ von Future Leadership nachzudenken. Denn Aufbruch beginnt dort, wo wir uns selbst überraschen.